ERKRANKUNGEN

Wegweiser Schilddrüsenkrebs – Vom Verdacht bis zur Therapie

Rund jeder vierte Erwachsene in Deutschland ist von Schilddrüsenknoten betroffen. Der Befund verunsichert viele Patienten, weil sie dahinter einen bösartigen (malignen) Tumor befürchten. Jedoch sind bösartige Schilddrüsenkarzinome sehr selten und machen bei Frauen gerade einmal 1,5 Prozent und bei Männern 0,5 Prozent aller bösartigen Tumorerkrankungen aus (1). Darüber hinaus sind die Heilungschancen bei Schilddrüsenkrebs meist gut und die Rückfallrate gering (2). Vom Anfangsverdacht über die Diagnose Schilddrüsenkrebs hin bis zur Therapie gibt es bestimmte  Stationen, die durchlaufen werden:

Station 1: Der Verdacht

Stellt der Hausarzt bei einer Tast- oder Ultraschalluntersuchung (Sonographie) – zum Beispiel im Rahmen einer routinemäßigen Kontrolle – einen Knoten fest, überweist er den Patienten bei einem auffälligen Befund meist an den Nuklearmediziner zur weiteren Abklärung des Knotens.

Station 2: Die Diagnose

Der Nuklearmediziner bestimmt die Schilddrüsenhormonparameter (TSH, T4 und T3) sowie weitere Blutwerte (z. B. das Hormon Calcitonin) und führt eine Ultraschalluntersuchung durch (3). Anschließend folgt bei Knoten ab 1 cm Durchmesser, und solchen die sich im Ultraschall als besonders verdächtig zeigen, eine Szintigraphie – ein bildgebendes Verfahren mit dessen Hilfe es möglich ist, zwischen heißen und kalten Schilddrüsenknoten zu unterscheiden. Neben dem Nuklearmediziner kann auch der Endokrinologe den Verdacht untersuchen, allerdings kein Szintigramm durchführen.

Heiße Schilddrüsenknoten sind fast immer gutartig. Ist der Befund der Szintigrafie jedoch ein kalter Knoten, wird meist eine Gewebeprobe aus der Schilddrüse entnommen. Dieses Verfahren nennt sich Feinnadelbiopsie oder Feinnadelpunktion. Die MIBI-Szintigraphie ist eine wertvolle ergänzende Methode zur Feinnadelbiopsie oder kann sie in bestimmten Fällen ersetzen (z.B. bei Einnahme von gerinnungshemmenden Medikamenten). Ihr Ergebnis kann zur Entscheidung über das weitere Vorgehen beitragen. Erhärtet sich der Verdacht auf eine bösartige Veränderung, wird gemeinsam mit dem Patienten das weitere Vorgehen besprochen. Oftmals ist die ärztliche Empfehlung eine vollständige operative Entfernung der Schilddrüse sowie eine anschließende Radiojodtherapie.

Station 3: Die Einweisung ins Krankenhaus

Bei erhärtetem Verdacht oder gesicherter Diagnose erfolgt eine Einweisung ins Krankenhaus. Dort folgen zwei Therapieschritte: Ein ein operativer Eingriff an der Schilddrüse und gegebenenfalls eine anschließende Radiojodtherapie (nicht unbedingt während des gleichen stationären Aufenthalts), die verbliebenes Schilddrüsengewebe zerstören soll.

Station 4: Die Operation

Im Krankenhaus begibt sich der Patient in die Hände eines Chirurgen. Ob es sich tatsächlich um Schilddrüsenkrebs handelt, lässt sich oft erst während der OP endgültig abklären. Die Operation der Schilddrüse ist inzwischen vielerorts ein Routineeingriff: Verbesserte Operationsmethoden, feinere Instrumente und Techniken sorgen dafür, dass der Eingriff wenig belastend für den Patienten ist und Komplikationen nur sehr selten auftreten.

Station 5: Die Radiojodtherapie

In der Regel schließt sich eine Radiojodtherapie an, die der Nuklearmediziner schon wenige Tage nach der OP  vornehmen kann, sobald die Operationswunden verheilt sind. Sie kann auch nach einem längeren Zeitintervall erfolgen. Da bei der Radiojodtherapie radioaktives Material eingenommen wird, und dieses auch aus dem Körper ausgeschieden wird, findet die Behandlung immer über wenige Tage stationär statt. Hierfür gibt es in den Kliniken speziell aufbereitete Zimmer. In diesem Fall ist die Einnahme einer ausreichenden Menge an Schilddrüsenhormonen in der Zwischenzeit wichtig. Bei der Therapie nimmt der Patient mit einer Kapsel das radioaktive Isotop Jod-131 auf, wodurch verbliebenes Schilddrüsengewebe „von innen bestrahlt“ und zerstört wird. Dieser Vorgang ist nicht mit einer Strahlentherapie oder einer Chemotherapie vergleichbar, die das gesamte Immunsystem schwächen, sondern ist eine gezielt nur auf Schilddrüsen- beziehungsweise Schilddrüsenkrebszellen wirkende Maßnahme. Die meisten Schilddrüsenkrebszellen verhalten sich wie gesunde Schilddrüsenzellen: Sie speichern Jod, unabhängig davon, wo sie sich im Körper befinden. Das macht sie zu einem leichten Ziel für das radioaktive Jod 131. Dafür müssen die Schilddrüsenzellen „jodhungrig“ sein. Dazu sollte im Körper ausreichend schilddrüsenstimulierendes TSH (Thyroidea-stimulierendes Hormon) verfügbar sein und möglichst die Jodaufnahme über die Nahrung oder Arzneimittel reduziert werden. Die Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin (DGN) empfiehlt unter anderem die Vermeidung von Seefisch und jodiertem Speisesalz im Haushalt über zwei Wochen vor der Radiojodtherapie sowie vor dem Radiojodtest, der in den meisten Fällen der Radiojodtherapie vorausgeht. Eine Angst vor jeglicher Jodzufuhr mit der Nahrung ist jedoch nicht angebracht, zumal fast alle Lebensmittel gewisse Spuren an Jod enthalten.

Ein höherer TSH-Spiegel (das Hormon der Hirnanhangsdrüse, welches die Aktivität der Schilddrüsenzellen steuert) kommt über zwei mögliche Wege zustande. Durch die Gabe von rhTSH (= rekombinantes humanes TSH), einem biotechnologisch hergestellten Ersatz des natürlichen Hormons, erhöht sich der TSH-Spiegel kurzfristig. Bei dieser Therapieform erfolgt die notwendige Gabe von Schilddrüsenhormontabletten direkt nach der OP und die unangenehmen Begleiterscheinungen einer vorübergehenden Schilddrüsenunterfunktion können ausbleiben. Das künstliche schilddrüsenstimulierende Hormon wird dafür an zwei Tagen vor der Radiojodtherapie jeweils einmal intramuskulär (in den Muskel) injiziert. Die tägliche Einnahme von Schilddrüsenhormon wird dadurch nicht beeinflusst.  Ein zweiter Weg ist die TSH-Stimulation durch einen Schilddrüsenhormonentzug:  Hierbei bemerkt der Körper, dass ihm Schilddrüsenhormone fehlen, und schüttet aus der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) verstärkt TSH aus. Die Phase des Schilddrüsenhormonentzugs kann zwei bis drei Wochen dauern, um den für die Radiojodtherapie erforderlichen hohen TSH-Spiegel zu erreichen. Durch die Schilddrüsenunterfunktion fühlen sich viele Patienten antriebslos und matt, erleiden Müdigkeitsanfälle und können mit Depressionen, Gedächtnis- sowie Konzentrationsminderungen zu kämpfen haben.

Station 6: Die Hormonersatztherapie

Da bei Schilddrüsenkrebs in der Regel die vollständige Schilddrüse entfernt wird, ist anschließend eine lebenslange, tägliche Einnahme von Schilddrüsenhormonen nötig. Eine sorgfältige Einstellung der richtigen Dosis und vor allem zu Anfang engmaschige Kontrollen spielen eine wichtige Rolle in der Tumornachsorge.

Quellen:

  1. Schumm-Dräger P.M., Feldkamp J. (2007) Schilddrüsenkrankheiten in Deutschland – Ausmaß, Entwicklung, Auswirkungen auf das Gesundheitswesen und Präventionsfolge. Präv Gesundheitsf, 2:153-158
  2. Allelein, S., Lorenz, K. & Schott, M. (2018) Metastasiertes Schilddrüsenkarzinom. Onkologe 24, 107–117. https://doi.org/10.1007/s00761-017-0315-6
  3. https://www.internisten-im-netz.de/krankheiten/schilddruesenkrebs/untersuchungen-diagnose.html

Letzte Aktualisierung: 05.10.2022