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KEINE EXPERIMENTE MIT DER SCHILDDRÜSE! EXPERTEN WARNEN VOR PRÄPARATEWECHSEL

„Und hier Ihre Schilddrüsentabletten!" Als der Apotheker Carolin H. ihre neue Packung über die Verkaufstheke reicht, stutzt die 54-Jährige. „Das sind aber nicht meine Tabletten!", erklärt sie dem Apotheker. Schließlich nimmt sie bereits seit mehr als vier Jahren täglich ihre verordneten Schilddrüsenhormone, und sie kennt ihre Packung genau. „Das ist kein Problem, diese sind genau die gleichen, nur von einem anderen Hersteller und günstiger", erwidert der Apotheker.

So oder ähnlich verlaufen seit Anfang dieses Jahres viele Verkaufsgespräche in deutschen Apotheken. Kunden bekommen plötzlich andere Medikamente, als ihr Arzt eigentlich verordnet hat und als sie gewohnt sind. Grund dafür ist das seit 1. Januar 2011 geltende Arzneimittel-neuordnungsgesetz, kurz AMNOG. Aufgrund dieses Gesetzes sucht der Apotheker nun in seinem Computer eines der drei günstigsten Schilddrüsenpräparate auf dem Markt aus, hergestellt von einer Pharmafirma, mit der Carolins Krankenkasse einen Rabattvertrag abgeschlossen hat.

VORSICHT BEIM AUSTAUSCH

Schilddrüsenpräparate wie Levothyroxin sind Hormonpräparate mit einer sogenannten „geringen therapeutischen Breite", das heißt, sie wirken in einem eng vorgegebenen Konzentrationsbereich, der individuell eingestellt und eingehalten werden muss. So hat jeder Schilddrüsenpatient seine eigene Dosis, mit der er sich wohl fühlt. Bei einem Präparatewechsel kann es aber leicht zu einer Unter- bzw. Überdosierung kommen, weil die Wirkstoffaufnahme von Patient zu Patient und von Präparat zu Präparat verschieden ist. Diese Eigenschaft nennt man „Bioverfügbarkeit".

Sie ist deswegen ein Problem, da die Tablette (Gewicht 150 mg) z. B. nur 0,1 mg Wirkstoff enthält. Das ist so, als ob ein Lastwagen nur den Inhalt eines kleinen Eimers transportieren würde. Der Wirkstoff ist aber als Hormon hochaktiv im Körper. Kleine Schwankungen in der Bioverfügbarkeit bzw. Qualität können deswegen große Wirkungen haben. Ein Zuwenig oder Zuviel hilft dem Patienten darum nicht, sondern kann unangenehme Nebenwirkungen an Herz, Skelettsystem oder Psyche mit sich bringen.

Diese Unterschiede in der Bioverfügbarkeit können vor allem bei Kindern, Schwangeren, Patienten mit Schilddrüsenunterfunktion oder mit Überfunktion durch ein Schilddrüsenkarzinom sowie bei Patienten mit instabiler koronarer Herzkrankheit eine wesentliche Rolle spielen.

FAZIT: ARZT SOLL DAS AUT-IDEM-KÄSTCHEN ANKREUZEN!

Experten raten: Wenn ein Schilddrüsenpräparat einmal verordnet ist und der Patient sich mit der bestehenden Medikation und der angepassten Dosierung wohl fühlt, sollte es nicht gewechselt werden!

Der Patient sollte darum darauf achten, dass sein Arzt auf dem Rezept das Aut-idem-Kreuz setzt. Er weist durch dieses Kreuz den Apotheker an, das verschriebene Medikament — und nur dieses — auszuhändigen und ein Austauschpräparat auszuschließen.

KOSTEN SPAREN UM JEDEN PREIS?

Um nach einem eventuellen Präparatewechsel die individuelle Dosierung richtig einstellen zu können, sind weitere engmaschige Laboruntersuchungen erforderlich, um die Dosis gegebenenfalls anzupassen. Selbst wenn der Patient das subjektive Gefühl hat, das neue Präparat habe nicht die gleiche Wirkung wie das bisher eingenommene, muss der Arzt eine Laboruntersuchung veranlassen. Der finanzielle Aufwand derartiger Kontrollen beträgt jeweils zwischen zehn und 25 Euro. Dem gegenüber stehen minimale Einsparungen von etwa zwei Euro jährlich, da die Preisunterschiede zwischen Originalpräparaten und sogenannten Generika sehr gering sind. Der angestrebte Spareffekt wird also ins Gegenteil verkehrt.

März 2011

Letzte Aktualisierung: 22.06.2020