SERVICE












DICHT BEIEINANDER UND DENNOCH SO FERN – NEBENSCHILDDRÜSE UND SCHILDDRÜSE

Für Unruhe, erhöhte Reizbarkeit, Untergewicht, aber auch Teilnahmslosigkeit und Muskelschwäche werden oft Fehlfunktionen der Schilddrüse verantwortlich gemacht. Doch manchmal ist die Nebenschilddrüse der Übeltäter. Die Nachbarschaft von Schilddrüse und Nebenschilddrüse lässt die beiden Organe verwandt klingen, die Aufgaben im Organismus sind jedoch ganz andere.

Die Glandulae parathyroideae, wie Mediziner die Nebenschilddrüse nennen, wird von vier separaten Drüsenkörpern gebildet, die den Platz direkt hinter der Schilddrüse am Kehlkopf einnehmen. Als Hormondrüsen produzieren die Nebenschilddrüsen das Parathormon (PHT), das den Kalziumstoffwechsel in Knochen und Niere reguliert. Kalzium ist für den Aufbau von Skelett und Zähnen und für die Funktionsfähigkeit von Muskeln und Nerven unabdingbar. Im Gegensatz zur Schilddrüse braucht die Nebenschilddrüse kein Jod, sondern das Parathormon benötigt Vitamin D, um wirken zu können. Gemeinsam ist den beiden Organen jedoch, dass es zur krankhaften Überfunktion und Unterfunktion kommen kann.

Arbeitet die Nebenschilddrüse auf Hochtouren, wird vermehrt das Parathormon ausgeschüttet – man spricht von einer Überfunktion, auch HPT (Hyperparathyreoidismus) genannt. Die Betroffenen leiden anfänglich unter rascher Ermüdbarkeit, Muskelschwäche und Depressionen, auch Entzündungen der Bauchspeicheldrüse treten häufig auf. Aus den Knochen gelangt zu viel Kalzium ins Blut, dadurch wird das Skelett geschwächt, in Niere und Galle bilden sich Steine. In schwerwiegenden Fällen droht eine Verkalkung von Lunge, Niere und Magen. Diese klassischen Beschwerden von HPT werden als „Stein-, Bein-, Magenpein“ zusammengefasst. Die operative Entfernung des „Übeltäters“ gilt als einziges Mittel der Wahl. Nach einem solchen Eingriff führen 95–98 % der Betroffenen ein beschwerdefreies Leben.

Das Krankheitsbild einer Unterfunktion beruht auf einem Parathormonmangel. Wird zu wenig oder gar kein Hormon produziert, sinkt der Kalziumspiegel im Blut auf ein Minimum. Der Körper reagiert darauf mit Krampfanfällen. Vor allem die Gesichtsmuskulatur, aber auch die Muskeln von Armen und Beinen können betroffen sein. Gefährlich wird es, wenn sich die Atemmuskulatur verkrampft. Wird bei Kindern die Unterfunktion nicht frühzeitig identifiziert, können durch Störungen im zentralen Nervensystem geistige Behinderungen und Entwicklungsstörungen auftreten. Da das Parathormon nicht durch Medikamente ersetzt werden kann, muss der Arzt eine lebenslange Gabe von Vitamin D und Kalzium verordnen.

Zu schwerwiegenden Beschwerden muss es jedoch gar nicht erst kommen: Mit einfachen zuverlässigen Tests lässt sich heute neben dem Kalzium der Parathormonspiegel im Blut, aber auch die Kalziumausscheidung im Urin messen, um eine Fehlfunktion der Nebenschilddrüse frühzeitig zu erkennen. Ansprechpartner sind Endokrinologen, Experten für Hormon- und Stoffwechselkrankheiten, die speziell auf dem Gebiet Nebenschilddrüse und Schilddrüse forschen und arbeiten.

Letzte Aktualisierung: 22.06.2020