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NOTFALL IM HORMONSYSTEM

Bei schweren Herz-Kreislauf-Problemen schalten fast alle Menschen sofort auf Alarmstufe; kommt noch Bewusstlosigkeit hinzu, ist es klar: möglichst schnell den Notarzt rufen. Die meisten denken dann an einen Notfall am Herzen oder im Gehirn – die Schilddrüse mit ihren „langsamen“ Botenstoffen wird nicht ohne Weiteres als Ursache für einen Zusammenbruch vermutet. Was die wenigsten wissen: Auch die Hormone der Schilddrüse können bei einer sogenannten thyreotoxischen Krise akut aus dem Gleichgewicht geraten. Es kommt dabei zu einer stark überschießenden Produktion von Schilddrüsenhormon. Diese lebensgefährliche Hormonentgleisung löst schwere Herzrhythmusstörungen und Herzrasen aus, außerdem Erbrechen, Durchfälle, Fieber und Schweißausbrüche. Auch Wahnvorstellungen (Halluzinationen) können auftreten, später dann Schläfrigkeit bis hin zum Koma. Der Hormonnotfall ist ebenso bedrohlich wie ein Herz- oder Gehirnnotfall: Die Betroffenen müssen so schnell wie möglich auf einer Intensivstation versorgt werden. Experten schätzen, dass jeder Zweite bis jeder Dritte in dieser Situation sterben kann.

Eine solche Schilddrüsenkrise kommt allerdings sehr selten vor und ist nur möglich, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. So muss in jedem Fall bereits eine Schilddrüsenüberfunktion bestehen, z. B. durch heiße Knoten oder eine Autoimmunerkrankung. Kommen dann noch jodhaltige Medikamente oder Belastungen wie Operationen, Unfälle, schwere Infekte oder Austrocknung des Körpers hinzu, kann in Einzelfällen die Reaktion der bereits erkrankten Schilddrüse so nachhaltig entgleisen, dass es zu dem Zusammenbruch kommt.

Die Probleme treten in der Regel nicht bei einer Überfunktion auf, die bereits bekannt ist und gut behandelt wird. Viel problematischer ist es, wenn sich in der Schilddrüse unerkannt heiße Knoten gebildet haben, von denen weder der Arzt noch der Betroffene etwas weiß. Besonders häufig ist dies bei älteren Menschen der Fall. Nicht nur deshalb gehört diese Altersgruppe zu den Risikopatienten für eine Schilddrüsenentgleisung: Jodhaltige Mittel können z. B. wegen einer Herzerkrankung nötig werden und lösen dann eine ungezügelte Hormonproduktion aus. Das Arzneimittel Amiodaron sowie jodhaltige Röntgenkontrastmittel sind hier an erster Stelle zu nennen. Bevor diese Mittel verabreicht werden (z. B. Kontrastmittel bei einer Herzkatheter-Untersuchung oder bei einer Computertomographie), sollte deshalb wenn irgend möglich die Schilddrüse untersucht, heiße Knoten ausgeschlossen oder ausreichend behandelt werden.

Letzte Aktualisierung: 22.06.2020