Das ewige Vorurteil – Löst Jod Schilddrüsenfunktionsstörungen aus?

Jod ist ein unentbehrliches Spurenelement. Die Schilddrüse benötigt es, um die Hormone Trijodthyronin (T3) und Tetrajodthyronin (T4, Thyroxin) zu bilden. Diese Schilddrüsenhormone haben zahlreiche wichtige Aufgaben bei Stoffwechselvorgängen im Körper. Es ist bekannt, dass ein Jodmangel zu einer vergrößerten Schilddrüse (Kropf, med. Struma) und langfristig zu einer Unterfunktion (Hypothyreose) des Schmetterlingsorgans führt. Doch können hohe Jodmengen ebenfalls Funktionsstörungen auslösen?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Erwachsene eine tägliche Jodzufuhr von 200 Mikrogramm (3). Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung gelten Jodmengen von bis zu 500 Mikrogramm am Tag aus gesundheitlicher Sicht als sicher (4). Die Schilddrüse speichert das aufgenommene Jod bis zu einer bestimmten Menge. Überschüssiges Jod wird über die Nieren ausgeschieden. So kann eine normale Schilddrüsenfunktion trotz erheblicher Schwankungen der täglichen Jodzufuhr aufrechterhalten werden. Allerdings kann eine langfristige, deutlich über der DGE-Empfehlung liegende Jodzufuhr das Risiko für Schilddrüsenfunktionsstörungen erhöhen. Die Aufnahme dieser extrem hohen Jodmengen wird auch als Jodexzess bezeichnet.

Eine exzessive Jodzufuhr kann dazu führen, dass vermehrt Schilddrüsenhormone gebildet und freigesetzt werden. Dies wird auch jod-induzierte Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) genannt. Ursache können eine autonome Schilddrüsenfunktion (Autonomie) beziehungsweise heiße Knoten (autonome Areale) sein, die durch den Jodüberschuss angeregt werden. Bei der Autonomie sowie bei den heißen Knoten produziert das betroffene Schilddrüsengewebe unkontrolliert Schilddrüsenhormone. So kommt es zu einer Schilddrüsenüberfunktion. Auch bestehende Hyperthyreosen können durch eine zu hohe Jodzufuhr angekurbelt werden. Patienten mit solchen Schilddrüsenerkrankungen wird immer wieder in Foren und Ratgebern, manchmal auch noch von Ärzten eine jodarme Ernährung empfohlen. Eine solche ist nicht immer notwendig! Patienten können jodhaltige Lebensmittel wie Seefisch, Meeresfrüchte und jodiertes Speisesalz sowie mit Jodsalz hergestellte Lebensmittel in normalen Mengen verzehren. Algenprodukte sollten hingegen mit Vorsicht genossen werden, da manche Arten sehr viel Jod enthalten. Kritisch wird es, wenn jodhaltige Röntgenkontrastmittel verwendet werden. Ihr extrem hoher Jodgehalt (Milligramm- bis Grammbereich) kann dazu führen, dass der Schilddrüsenstoffwechsel entgleist. Vor allem bei älteren Personen sollte vor einer radiologischen Untersuchung die Schilddrüse kontrolliert werden, da eventuell unbekannte Schilddrüsenerkrankungen, zum Beispiel heiße Knoten, verstärkt beziehungsweise angeregt werden können. Ebenso können einige jodhaltige Medikamente zu einer kurzfristig oder langfristig erhöhten Jodaufnahme führen. Zum Beispiel weist Amiodaron, ein Medikament zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen, einen hohen Jodgehalt auf und wird mit der Entstehung von Unter- oder Überfunktionen der Schilddrüse in Verbindung gebracht (1).

Einfluss von Jod auf Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse

Bei einer Hashimoto-Thyreoiditis (autoimmune Entzündung der Schilddrüse, die zur Unterfunktion führt) können zu hohe Jodmengen den Ausbruch der Erkrankung fördern beziehungsweise die bestehende Entzündung verstärken. Lediglich größere Mengen an Jod, zum Bespiel in Röntgenkontrastmitteln oder in Form von Jodid-Tabletten, haben solch einen Effekt und sollten deshalb gemieden werden. Vereinzelt werden auch hier Patienten gewarnt, überhaupt Jod aufzunehmen. Jedoch ist die Jodzufuhr über die herkömmliche ausgewogene Ernährung unbedenklich. In der Schwangerschaft, auch bei Hashimoto-Thyreoiditis, ist es meistens sogar sinnvoll, Jodsupplemente (100 bis 150 Mikrogramm) einzunehmen, um den Fetus mit ausreichend Jod zu versorgen. Dies sollte allerdings mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden.

Auch bei Morbus Basedow (Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, die zur Überfunktion führt) sollten zu hohe Jodmengen vermieden werden. Wie bei der Hashimoto-Thyreoiditis werden zu hohe Jodmengen nur erreicht, wenn Jodtabletten, jodhaltige Medikamente oder Kontrastmittel verabreicht werden. Ausnahme: Vor einer anstehenden Radiojodtherapie wird eine jodarme Ernährung empfohlen.

Jodzufuhr über die Ernährung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass über die Ernährung mit üblichen Verzehrmengen auch jodhaltiger Lebensmittel keine Jodmengen aufgenommen werden, die bei Schilddrüsenerkrankungen als kritisch gelten. Daher dürfen auch Lebensmittel wie Seefisch, Meeresfrüchte, Milch und Milchprodukte sowie jodiertes Speisesalz und damit hergestellte Lebensmittel verzehrt werden. Beim Konsum von Algenprodukten sollte immer deren Jodgehalt beachtet werden. Gesundheitlich bedenkliche Mengen erreichen Patienten unter anderem durch die zusätzliche Einnahme von Jodtabletten sowie von jodhaltigen Medikamenten oder Röntgenkontrastmitteln.

Quellen:

  1. Koukou E.G. et al (2017) Effect of excess iodine intake on thyroid on human health. Minerva Med., 108(2), 136-146
  2. Long T. et al (2014) Prevalence of thyroid dysfunction with adequate and excessive iodine intake in Hebei Province, People’s Republic of China. Public Health Nutrition, 18(9), 1692-1697
  3. DGE (Hrsg.) (2013) Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 1. Auflage, 5. Korrigierter Nachdruck. Neuer Umschau Buchverlag, Neustadt an der Weinstraße
  4. BfR – Bundesinstitut für Risikobewertung (2004) Nutzen und Risiken der Jodprophylaxe in Deutschland. http://www.bfr.bund.de/cm/343/nutzen_und_risiken_der_jodprophylaxe_in_deutschland.pdf (aufgerufen am 17.07.2017)
X