Schilddrüse im Kindesalter: Schilddrüsenunterfunktion, Schilddrüsenüberfunktion

 

Einteilung von Schilddrüsenfunktionsstörungen

Die Produktion von Schilddrüsenhormonen hängt sowohl von einer ordnungsgemäßen Funktion der Schilddrüse selbst als auch von einer korrekten Regulation der Drüsenaktivität ab. Zuständig für die Steuerung der Schilddrüsenaktivität sind Hormone der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und einer bestimmten Hirnregion, des sog. Hypothalamus.

Störungen der Schilddrüsenfunktion werden nach der jeweiligen Ursache unterschieden. Ist die Schilddrüse selbst Ausgangspunkt der Störung, wird von einer primären Schilddrüsenerkrankung gesprochen. Geht die Funktionsabweichung hingegen auf eine fehlerhafte Regulation der Drüsenaktivität zurück, wird diese als sekundäre oder zentrale Schilddrüsenerkrankung bezeichnet.

Funktionsstörungen der Schilddrüse führen entweder zu einem Mangel an Schilddrüsenhormon, einer sog. Hypothyreose, oder zu einem Überschuss, einer sog. Hyperthyreose. Störungen der Schilddrüsenfunktion im Kindesalter können dabei angeboren (permanent), angeboren vorübergehend (transient) oder erst nach der Geburt entstanden sein.

Vor der Geburt wird der kindliche Bedarf an Schilddrüsenhormonen zumindest teilweise durch die Mutter gedeckt. Kommt es im Umfeld der Geburt zu Funktionsstörungen der Schilddrüse, muss daher auch der Schilddrüsenstoffwechsel der Mutter als mögliche Ursache der Erkrankung in Betracht gezogen werden.

Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)

Eine unzureichende Versorgung des Körpers mit Schilddrüsenhormonen wird als  Schilddrüsenunterfunktion oder Hypothyreose bezeichnet.

Krankheitszeichen

Die Erkrankung führt zu vielfältigen Krankheitszeichen (Symptomen), die in Abhängigkeit vom Alter des Kindes unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Dazu gehören beispielsweise eine verzögerte Knochenentwicklung, ein hohes Geburtsgewicht, große Zunge im Säuglingsalter, Antriebsschwäche, Verstopfung, trockene Haut, niedriger Blutdruck, langsamer Puls, Kälteunverträglichkeit oder Schulleistungsstörungen.

Neugeborenen-Screening

Der Schilddrüsenunterfunktion kommt insbesondere bei Neugeborenen große Bedeutung zu, da ein Mangel an Schilddrüsenhormonen während und nach der Schwangerschaft zu schweren, unter Umständen bleibenden Schäden der Gehirnentwicklung führen kann. Um solche schweren Entwicklungsstörungen auszuschließen, wird in Deutschland seit den 1980er Jahren jedes Neugeborene auf das Vorliegen einer primären, d.h. von der Schilddrüse selbst ausgehenden Hypothyreose untersucht („gescreent“).

Eine Unterfunktion der Schilddrüse liegt zur Geburt bei etwa jedem 4000. Neugeborenen vor. Es besteht ein Mangel an Schilddrüsenhormonen im Blut. Diesen Mangel versuchen der Hypothalamus und die Hirnanhangdrüse auszugleichen, indem sie die Hormonproduktion in der Schilddrüse durch Freisetzung des Schilddrüse (Thyreoidea) stimulierendem Hormons (TSH) zu vermehrter Hormonabgabe anregen. Ist dies aufgrund einer Funktionsstörung des Schilddrüsengewebes nicht möglich und steigen die Schilddrüsenhormone im Blut nicht an, wird die Abgabe von TSH durch Hypothalamus und Hirnanhangdrüse dauerhaft fortgesetzt. Es kommt zu stark erhöhten TSH-Spiegeln im Blut des Kindes.

Direkt nach der Entbindung werden jedem Neugeborenen wenige Tropfen Blut aus der Ferse abgenommen und auf den Gehalt an TSH untersucht. Liegt ein erhöhter TSH-Wert vor, werden weitere Untersuchungen zur genaueren Bestimmung der Störung durchgeführt und sofort eine Behandlung mit Schilddrüsenhormonen eingeleitet. Dadurch können bleibende Schäden am Gehirn der betroffenen Kinder in der Regel verhindert werden. Ein eventuell bestehender Entwicklungsrückstand wird unter der Behandlung mit Schilddrüsenhormon von den Kindern zumeist vollständig aufgeholt.

Ursachen von Schilddrüsenunterfunktion

Die nachfolgende Tabelle gibt eine kurze Übersicht über wichtige Ursachen von Schilddrüsenunterfunktion im Kindesalter:

 

Tab.1: Wichtige Ursachen von Schilddrüsenunterfunktion im Kindesalter

Einordnung der Hypothyreose

Art der Störung

Erläuterung

Primär, angeboren, permanent

Schilddrüsenfehlbildung

Fehlen, Unterentwicklung oder Fehllage der Schilddrüse

Hormonbildungsstörung

Störungen der an der Schilddrüsenhormonbildung beteiligten Enzyme; die Schilddrüse des Kindes ist zumeist stark vergrößert

Sekundär, angeboren, permanent

Entwicklungsstörung von Hypothalamus und/oder Hirnanhangsdrüse

Steuerung der Schilddrüsenaktivität durch Hypothalamus oder Hirnanhangdrüse ist unzureichend

TSH-Mangel

Unzureichende Anregung der Schilddrüse zur Hormonabgabe

TSH-Rezeptordefekt

Steuersignale von Hypothalamus und Hirnanhangdrüse werden von der Schilddrüse ungenügend wahrgenommen

Angeboren, vorübergehend

Vorgeburtlicher Jodmangel

Ohne ausreichend Jod können Schilddrüsenhormone nicht in der erforderlichen Menge gebildet werden; es kommt zur Vergrößerung der Schilddrüse (Struma bzw. Kropf)

Mütterliche Medikamente

Mütterliche Medikamente (beispielsweise auch eine Überversorgung mit Jod) können die Hormonproduktion beim neugeborenen Kind stören

Mütterliche Antikörper gegen die Schilddrüse

Nach der Geburt noch vorhandene mütterliche Schilddrüsen-Antikörper im Blut des Kindes beeinträchtigen vorübergehend die Schilddrüsenfunktion des Neugeborenen

Hormonmangel bei Frühgeborenen

Frühgeborene weisen unter Umständen noch keinen ausreichenden Hormonstoffwechsel in der Schilddrüse auf, daher kann es zu einem Hormonmangel kommen

Erworben

Schilddrüsenentzündung durch Antikörper

Eine Fehlreaktion des Abwehrsystems löst eine Entzündung und Schädigung des Schilddrüsengewebes aus, z.B. Hashimoto-Thyreoiditis

Jodmangel bzw. Jodüberschuss

Jodmangel ebenso wie Jodüberschuss können die Bildung von Schilddrüsenhormonen stören und zu einer Unterversorgung führen

Operation oder Bestrahlung

Wenn Schilddrüsengewebe im Rahmen einer Operation oder durch Bestrahlung verloren geht, kann eine Schilddrüsenunterfunktion die Folge sein

 

Diagnose der Schilddrüsenunterfunktion

Die genaue Diagnose einer Schilddrüsenunterfunktion wird  aufgrund von Blutuntersuchungen (Schilddrüsenhormone, Schilddrüsensteuerungshormone, Transporteiweiße für Hormone), durch Bild gebende Verfahren (Ultraschall der Schilddrüse, Nachweis von Schilddrüsengewebe durch radioaktiv-markierte Substanzen im Rahmen einer sog. Szintigraphie) sowie durch feingewebliche Untersuchung (Histologie) des Schilddrüsengewebes gestellt.

Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion

Die Therapie einer Schilddrüsenunterfunktion im Kindesalter sollte von einem Spezialisten durchgeführt werden: entweder von einem auf Hormonerkrankungen spezialisierten Kinderarzt (endokrinologisch orientierter Pädiater) oder von einem auf Kinder spezialisierten Facharzt für Hormonerkrankungen (pädiatrisch orientierter Endokrinologe).

Die Behandlung besteht in der Regel aus der medikamentösen Gabe des wichtigsten Schilddrüsenhormons, des Thyroxins (T4). Je nach Ursache der Unterfunktion ist eine vorübergehende oder dauerhafte, d.h. lebensbegleitende Therapie erforderlich.

Die Behandlungsaussichten sind sehr gut. Lediglich wenn auch die Mutter selbst während der Schwangerschaft an einer Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen gelitten hat (z.B. durch Jodmangel), können beim Kind bleibende Entwicklungsrückstände nicht immer ausgeschlossen werden.

Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)

Eine Überversorgung des Körpers mit Schilddrüsenhormonen wird als  Schilddrüsenüberfunktion oder Hyperthyreose bezeichnet.

Krankheitszeichen

Zu den typischen Krankheitszeichen bei Schilddrüsenüberfunktion gehören eine vergrößerte Schilddrüse, Schwirren der Schilddrüse aufgrund eines vermehrten Bluteinstroms, schneller Puls, hoher Blutdruck, feinschlägiges Zittern der Extremitäten sowie – weniger ausgeprägt als bei Erwachsenen –das Hervortreten der Augen.

Ursachen von Schilddrüsenüberfunktion

Die wichtigsten Ursachen der Hyperthyreose im Kindesalter sind:

  • Vermehrte Einnahme von Schilddrüsenhormonen: Im Rahmen der Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion kann es zu ein Überdosierung kommen. Ebenso ist eine versehentliche Einnahme durch das Kind denkbar, etwa wenn ein Elternteil eine entsprechende Behandlung durchführt.
  • Schilddrüsenknoten: Innerhalb der Schilddrüse können sich (zumeist gutartige) Gewebeknoten (Adenome) bilden, die unabhängig von den normalen Regulationsmechanismen Schilddrüsenhormon freisetzen.
  • Stimulation der gesamten Schilddrüse durch Antikörper: Im Rahmen einer fehlgeleiteten Abwehrreaktion des Immunsystems können Abwehrkörper (Antikörper) entstehen, die nicht der Bekämpfung von Krankheitserregern dienen, sondern auf die Empfangsstellen (Rezeptoren) der Schilddrüsenzellen für das Steuerungshormon TSH reagieren. Dort lösen sie die unkontrollierte Freisetzung von Hormonen aus. Die vermehrte Hormonfreisetzung betrifft dann – im Gegensatz zum Vorliegen einzelner Drüsenknoten – die gesamte Schilddrüse. Beispiele für diese Form der Schilddrüsenüberfunktion sind die Basedowsche Krankheit (Morbus Basedow) sowie einige Formen der Autoimmunthyreoiditis (Hashimoto-Thyreoiditis).
  • Übertragung von TSH-stimulierenden Antikörpern auf das ungeborene Kind: Weist eine Schwangere Antikörper auf, die zu einer Freisetzung von Schilddrüsenhormonen führen, können diese beim Kind eine Hyperthyreose hervorrufen.

Diagnose der Schilddrüsenüberfunktion

Die Diagnose einer Hyperthyreose wird durch Blutuntersuchung gestellt. Dabei finden sich erhöhte Werte für die Schilddrüsenhormone bei gleichzeitig vermindertem Steuerungshormon (TSH). Ergänzend werden eine Ultraschalluntersuchung und eventuell eine Szintigraphie (Aktivitätsuntersuchung der Schilddrüse auf Basis radioaktiver Substanzen) durchgeführt, um genauen Aufschluss über die Ursache der Erkrankung zu erhalten.

Behandlung der Schilddrüsenüberfunktion

Die Schilddrüsenüberfunktion wird im Kindesalter durch Medikamente, die die Hormonproduktion blockieren, chirurgische Entfernung eines Teils oder der gesamten Schilddrüse oder auch mittels Bestrahlung der Schilddrüse durch Einnahme von radioaktivem Jod behandelt. 

In Abhängigkeit von Art und Umfang der Therapie kann es in der Folge der Behandlung zu einer Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen kommen. Diese muss dann durch Einnahme von künstlichem Schilddrüsenhormon ausgeglichen werden.

Bei der operativen Behandlung ist besonders darauf zu achten, dass weder die in unmittelbarer Nachbarschaft der Schilddrüse anzutreffenden Nebenschilddrüsen (wichtig für die Regulation des Knochenstoffwechsels) noch der Stimmbandnerv verletzt werden.

Autoren:
Professor Dr. med. Michael Ranke, Tübingen
Jan Groh

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