Die Bedeutung der Schilddrüse für die Kindesentwicklung

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Während der Entwicklung vom Embryo im Mutterleib zum ausgewachsenen Menschen durchlaufen die kindlichen Organe verschiedene Wachstums- und Entwicklungsprozesse, übernehmen neue Aufgaben oder verlieren unter Umständen Funktionen, die in vorangehenden Lebensphasen von Bedeutung waren. Das gilt auch für die Schilddrüse.

Wie die Schilddrüse entsteht

Eine normale Schwangerschaft dauert etwa 40 Wochen. Bereits in der dritten Woche nach der Befruchtung der Eizelle im Mutterleib kommt es zu Gewebeveränderungen im Halsbereich des Embryos (in der Zeit bis zum Ende der 8. Schwangerschaftswoche, in welcher sich die Organe ausbilden, wird das Ungeborenen Embryo genannt),  aus denen die Schilddrüse hervorgeht. Unter dem Einfluss einer Vielzahl von Genen wandert  das spätere Schilddrüsengewebe vom Zungengrund nach unten vor die Luftröhre und bildet dort die schmetterlingsförmige Gestalt des Organs aus. Parallel dazu entwickelt sich die Fähigkeit zur Bildung von Schilddrüsenhormonen.. Diese Entwicklung ist etwa am Ende der achten Schwangerschaftswoche abgeschlossen. Danach wächst die Schilddrüse jedoch noch weiter.

Zeitlich etwas verzögert entsteht in dieser frühen Schwangerschaftsphase auch der hormonelle Steuerungsapparat, der die Aktivität der Schilddrüse überwacht und reguliert. Die entscheidende Rolle spielen dabei der Hypothalamus (eine Nervenregion am Boden des Gehirns) sowie der vordere Abschnitt der Hirnanhangdrüse (Hypophyse), der sich etwa bis zur 14. Schwangerschaftswoche herausbildet, jedoch noch bis zur Geburt ausreift.

Die Regulation der Schilddrüsenhormone

Bis zur Geburt des Kindes übernehmen die sich entwickelnden Organe Hypothalamus, Hypophyse und Schilddrüse zunehmend die Funktionen, die sie auch im nachgeburtlichen Leben ausüben werden. Dazu gehört ab der zweiten Hälfte der Schwangerschaft auch die Regulation der Schilddrüsenhormone. In der frühen Schwangerschaft steuern mütterliche Schilddrüsenhormone und der Mutterkuchen (Plazenta) den Hormonstoffwechsel des Ungeborenen.

1. Regulation durch mütterlichen Stoffwechsel und Plazenta

Während der Schwangerschaft gelangen das für die Bildung von Schilddrüsenhormonen unverzichtbare Jodid aus dem mütterlichen Kreislauf in das Blut des ungeborenen Kindes und steht  dort für die Bildung der Schilddrüsenhormone (Thyroxin = T4 und Trijodthyronin = T3)  etwa ab der 10. Schwangerschaftswoche  zur Verfügung. Vorher ist das Ungeborene ganz auf die Versorgung als auch die vollständigen. Der Übertritt von Schilddrüsenhormon von der Mutter auf das Kind ist zwar nur minimal, ist aber nicht ganz unbedeutend. 

2. Der Schilddrüsen Regelkreis entwickelt sich

Die im Blut befindliche Hormonmenge wird im Hypothalamus und in der Hirnanhangdrüse von spezialisierten Zellen überwacht. Ist die Hormonkonzentration zu niedrig, geben der Hypothalamus und die Hirnanhangdrüse Hormone (TRH bzw. TSH) ab, die zur Freisetzung von Schilddrüsenhormon ins Blut führen. Der Hormonspiegel im Blut steigt an.

Der Hypothalamus und die Hirnanhangdrüse registrieren diesen Anstieg und verringern daraufhin die  weitere Freisetzung von TRH und TSH. So entsteht ein Regelkreis, der im Normalfall die Menge an Schilddrüsenhormon im Blut stabil hält.

Dieser Regelprozess setzt beim Ungeborenen nach und nach im Verlauf der Entwicklung im Mutterleib ein. Etwa ab der 30. Schwangerschaftswoche  entsteht im Organismus z.B. zunehmend auch das – neben T4 – zweite wichtige Schilddrüsenhormon des Menschen, das T3. Bis zur Geburt (normal: 37. bis 40. Woche) ist das Schilddrüsenregulationssystem vollständig ausgereift.

Veränderungen während der Pubertät

Die Produktion von Schilddrüsenhormonen lässt beim Menschen von der Geburt zum Erwachsenenalter nach. Dennoch bleibt die Konzentration der freien Schilddrüsenhormone im Blut während dieser Zeit in etwa stabil. Der Grund dafür ist, dass die Hormone mit zunehmendem Alter langsamer umgewandelt werden.

Mit der vermehrten Bildung des Sexualhormons Östradiol ab der Pubertät kommt es jedoch insbesondere bei Mädchen noch einmal zu Veränderungen des Schilddrüsenstoffwechsels. Östradiol fördert die Bildung eines Eiweißes, welches T4  bindet und transportiert. Für die Wirkung ist das freie, nicht an Eiweiß gebundene Hormon.  Um die Menge an frei verfügbarem Hormon konstant zu halten, muss die Schilddrüse der Mädchen die Hormonproduktion daher etwas erhöhen. Jungen sind von den Veränderungen in etwas geringerem Maß betroffen, da das „weibliche“ Geschlechtshormon Östradiol bei ihnen in geringeren Mengen (Östradiol bildet sich aus Testosteron) gebildet wird.

Schilddrüsenhormone: Voraussetzung für normale Gehirnentwicklung

Störungen des Schilddrüsenstoffwechsels des Kindes haben vor und nach der Geburt erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes und können teilweise zu dauerhaften Schäden am Organismus, insbesondere am Gehirn, führen.

Dabei ist zu beachten, dass vor der Geburt auch der Mangel an mütterlichem Schilddrüsenhormonen bedeutend für das Ungeborene sind. Da die Gehirnentwicklung beim Kind entscheidend von einem ausreichenden Angebot an Schilddrüsenhormonen abhängt, kann es bei einer gleichzeitigen Mangel an Schilddrüsenhormonen  bei Mutter und Kind zu bleibenden Hirnschäden und sogar zu einer schweren geistiger Behinderung des Kindes („Kretinismus“) kommen.

Ausgangspunkt solcher Entwicklungsrückstände ist oft ein Jodmangel. Jod ist unverzichtbarer Bestandteil der Schilddrüsenhormone. Ein Molekül T4 enthält vier Jodatome, und ein Molekül T3 enthält drei Jodatome. Jodmangel kann daher Auslöser einer unzureichenden Versorgung mit Schilddrüsenhormonen von Mutter und Kind sein kann.

Weitere Entwicklungsstörungen bei Hypothyreose

Neben der Gehirnreifung leidet auch die allgemeine körperliche Entwicklung von Ungeborenen und Neugeborenen unter einem Mangel an Schilddrüsenhormonen. Säuglinge weisen darüber hinaus oft Nabelbrüche sowie eine vergrößerte Zunge auf. In der Regel sind Verstopfung, trockene Haut, niedriger Blutdruck,  langsamer Puls sowie vermehrter Schlaf, Trinkfaulheit und Bewegungsarmut anzutreffen,.

Kontrolle auf Hypothyreose beim Neugeborenen

Seit den 1980er Jahren werden in Deutschland alle Kinder bei der Geburt auf eine Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen getestet („Hypothyreose-Screening“). Dabei kann durch die Messung des TSH im Blut eine Schilddrüsenunterfunktion vermutet werden, die dann unmittelbar durch Nachuntersuchungen gesichert wird. Wird dabei ein Hormonmangel festgestellt, kann dieser durch die Gabe von Schilddrüsenhormon ausgeglichen werden. Folgeschäden bleiben dann zumeist nicht zurück.

Autoren:
Professor Dr. med. Michael Ranke, Tübingen
Jan Groh

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