Schwangerschaft und Schilddrüse

Während der Schwangerschaft steigt der Jodbedarf an und die Schilddrüse vergrößert sich. Die Funktion der Schilddrüse sollte daher sehr genau überwacht werden. Abweichungen der Hormonproduktion müssen behandelt werden, um Störungen des Schwangerschaftsverlaufes zu verhindern und Mutter wie Kind vor Schaden zu bewahren.

Kropf (Struma)

In Gegenden mit ausgeprägtem Jodmangel (Jodzufuhr < 50µg/Tag) oder einer Jodunterversorgung (Jodzufuhr < 100 µg/Tag) kommt es während der Schwangerschaft häufig zu einer Vergrößerung der Schilddrüse sowohl der Mutter (Kropf, Struma) als auch des Kindes (angeborener Kropf, angeborene Struma). Die Schilddrüsenvergrößerung bei Mutter und Kind lässt sich durch eine ausreichende Jod- bzw. Jodidzufuhr (Jodid: Jod in Salzverbindungen) von 200 - 300 µg Jodid/Tag verhin­dern.

In Regionen mit Jodmangel, d.h. vor allem in Ländern, in denen eine Unterversorgung mit Jod nicht durch eine gesetz­lich organisierte Jodprophylaxe bekämpft wird, sollten alle schwangeren Frauen mit Jod behandelt werden. Diese Empfehlung gilt unabhängig davon, ob bei den Schwangeren bereits eine Struma besteht oder nicht. Da der tägliche Jodid bedarf etwa 260 µg beträgt, sollte die zusätzliche Zufuhr bei 100 - 200 µg Jodid pro Tag liegen.

Schwangere Frauen, die bereits wegen einer Struma mit Schilddrüsenhor­mon behandelt werden, sollten diese Therapie in gleicher Dosierung weiterführen. Zusätzlich müssen 100 - 200 µg Jodid pro Tag eingenommen werden, da ausschließlich Jodid den Jodman­gel des Kindes beheben und die Entwicklung einer angeborenen Struma verhindern kann.

Bei einer medikamentösen  Versorgung mit Jodid ist es wichtig weitere Jodgaben, etwa durch jodhaltige Nahrungsergänzungsmittel (z.B. jodiertes Kochsalz) oder durch Kombinationen von Folsäure und Jodid, zu vermeiden, damit kein Überangebot entsteht.

Der erhöhte Jodbedarf während der Schwangerschaft besteht auch in der gesamte Stillzeit fort. Die Behandlung mit Jodid sollte daher auch während dieser Periode erfolgen.

Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)

Frauen mit bestehender Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) sind oft unfruchtbar. Bei nicht voll ausgeprägter (subklinischer oder latenter) Hypothyreose kann die Fähigkeit, schwanger zu werden (Fertilität), eingeschränkt sein. Die in seltenen Fällen dennoch eintretenden Schwan­gerschaften von hypothyreoten Frauen nehmen durch Fehlgeburten, Frühgebur­ten u.a. Schwangerschaftskomplikationen oft einen komplizierten Verlauf.

Die Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion während der Schwangerschaft erfolgt (ebenso wie in allen anderen Fällen von Hypothyreose) durch Gabe des Schilddrüsenhormons Thyroxin (Hormonsubstitution). Diese Therapie ist vor allem in der ersten Schwangerschaftshälfte wichtig, da in dieser Phase die kindliche Schilddrüse selbst noch nicht in ausreichendem Maß Hormone produzieren kann.

Bestand eine Schilddrüsenunterfunktion bereits vor der Schwangerschaft, wird die ursprüngliche Behandlung  zunächst weitergeführt. Oft kommt es in den ersten 3 Monaten jedoch zu einem leichten Anstieg des Schilddrüsensteuerungshormons TSH. In diesen Fällen (ca. 40 - 60 Prozent aller Schwangeren) ist es notwendig, die Thyroxindosis während der Schwangerschaft zu erhöhen, bis das TSH auf seinen Normalwert zurückgeht. Kommt es erst während der Schwangerschaft zu einer Schilddrüsenunterfunktion, wird sofort eine Behandlung mit Thyroxin eingeleitet.

Die Behandlung der mütterlichen Hypothyreose vermindert Komplikationen während des Schwangerschaftsverlaufs. Die Behandlung hat gerade in der ersten Schwangerschaftshälfte einen direkten Effekt auf die Reifung des ungeborenen Kindes, insbesondere auf die Entwicklung des Gehirns. Zu beachten ist dabei, dass die Therapie mit Thyroxin zwar die Versorgung des Kindes mit Schilddrüsenhormon sicherstellt, einen bestehenden Jodmangel jedoch nicht ausgleicht. Deshalb sollten  Mütter mit Schilddrüsenunterfunktion auch während der Schwan­gerschaft und Stillzeit zusätzlich 100 - 200 µg Jodid pro Tag einnehmen.

Hyperthyreose

Schwangerschaften von Müttern mit Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose – z.B. infolge eines Morbus Bas­edow) sind Risikoschwangerschaften. Die  Mutter, das ungeborene Kind und später das Neugeborene bedürfen deshalb einer intensi­ven Überwachung durch den Frauenarzt (Gynäkologen), Hormonfacharzt (Endokri­nolo­gen) und den Kinderarzt (Pädiater).

Bei der Diagnose müssen die normalen Veränderungen der     Schilddrüsenhormonkonzentrationen während der Schwangerschaft beachtet werden (Zunahme von TBG, T4 und T3, Abnahme von FT4 und FT3), um eine Fehlbehandlung zu vermeiden.

Ausgeprägte Hyperthy­reosen sollten sofort nach der Diagnosestellung und unabhängig von der jeweiligen Phase der Schwangerschaft behandelt werden.

Ein verringertes TSH bei normalen Werten für T4 und T3 kann eventuell auf eine latente Hyperthyreose hinweisen. Die Bestimmung der TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK) ist auch wegen möglicher Auswirkungen auf das Kind notwendig.

Die Behandlung einer Schilddrüsenüberfunktion während der Schwangerschaft erfolgt, wenn möglich, durch Gabe von die Schilddrüsenfunktion hemmenden Medikamenten (Thyreostatika). Die Schilddrüsenhormonkonzentra­tionen sollen zunächst in den oberen Normbereich gesenkt und anschließend die Dosis der Medikamente reduziert werden, um eine Stabiliesierung der Werte zu erreichen. Bei solchem Vorgehen wurden bisher weder angeborene Schilddrüsenunterfunktionen noch Kropfbildung oder erhöhte TSH-Werte bei Neugeborenen beobachtet.

Medika­mente mit sehr hohem Jodgehalt (Aufnahme > 1000 µg/Tag) wie z.B. verschiedene Kontrast­mittel, einige Desinfektionsmittel, schleimlösende Medikamente (Sekretolytika) oder jodhaltige Augen­tropfen dürfen in der Schwanger­schaft, unter der Geburt und beim Neuge­borenen nicht angewendet werden, falls eine Schilddrüsenüberfunktion besteht. Das gilt aufgrund der Strahlenbelastung für das Kind selbstverständlich auch für eine Radiojodtherapie während der Schwangerschaft.

Operation zur Besserung der Schilddrüsenüberfunktion der Mutter sollten vermieden und, falls dennoch erforderlich, möglichst im mittleren Schwangerschaftsdrittel durchgeführt werden.

In der Stillzeit gelten die gleichen Behandlungsrichtlinien wie während der Schwangerschaft. Eine Behandlung mit Thyreostatika kann zur Not auf Medikamente umgestellt werden, die in geringerem Maße in die Muttermilch übergehen.

Neugeborene von Müttern mit Morbus Basedow müssen in den ersten Lebensmonaten gezielt überwacht werden, da sich bei diesen Kindern Schilddrüsenfunktionsstörungen sowohl in Gestalt einer Hyperthyreose als auch einer Hypothyreose entwickeln können.

Schilddrüse und Fruchtbarkeit

Ein Kropf (Struma), der nicht zu veränderten Schilddrüsenwerten führt, hat keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit (Fertilität) von Mann und Frau.

Männer

Schilddrüsenfunktionsstörungen können beim Mann zwar das Liebesverlangen (Libido) und das sexuelle Vermögen (Potenz) beeinträchtigen, bedingen aber keine Einschränkung der Fruchtbarkeit. Die routinemäßige Untersuchung von Schilddrüsenhormonen in der Praxis eines Männerarztes (Androloge bzw. spezialisierter Urologe) ist nur bei konkretem Verdacht auf eine gestörte Schilddrüsenfunktion sinnvoll.

Frauen

Eine von der Schilddrüse ausgehende Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) bedingt bei Frauen nicht nur einen Anstieg des Schilddrüsensteuerungshormons TSH, sondern auch des Sexualhormons Prolaktin. Die Folgen können Störungen des Eisprungs (Gelbkörper-Schwäche), Ausbleiben der Regelblutung (Amenorrhoe) und Milchfluss (Galaktorrhoe) sein. Zyklusstörungen sind bei Hypothyreosen auch ohne erhöhte Prolaktinwerte häufig.

Die Fruchtbarkeit von Frauen ist bereits bei geringfügiger Schilddrüsenunterfunktion eingeschränkt, jedoch meistens nicht vollständig aufgehoben. Deshalb gilt: Auch Frauen mit ausgeprägter Schilddrüsenunterfunktion können schwanger werden!

Die Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion während der Schwangerschaft ist von entscheidender Bedeutung für eine gesunde Entwicklung des Kindes.

Auch eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) kann zu Zyklusstörungen, vorübergehendem oder vollständigen Ausbleiben der Regelblutung (Oligomenorrhoe, Amenorrhoe) und ausbleibendem Eisprung (Anovulation) führen. Unter einer angemessenen Behandlung mit die Schilddrüse hemmenden Medikamenten (thyreostatische Therapie) bilden sich diese Symptome vollständig zurück.

Die Fruchtbarkeit ist wie im Falle einer Schilddrüsenunterfunktion auch bei Schilddrüsenüberfunktion eingeschränkt, aber nicht aufgehoben. Schwangerschaften bei  Hyperthyreose sind oft durch eine Vielzahl von Komplikationen gekennzeichnet und müssen deshalb engmaschig durch den Arzt überwacht werden.

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